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Heftige Reaktion auf Markus Osterrieders Buch Welt im Umbruch (Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg), Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 2014
 

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Markus E-Mail auf Französisch in Reaktion auf die Kritik von Christian Lazaridès: hier herunterladen.


Ich hatte es sehnlichst erwartet, dieses Buch, das Ergebnis von 14 Jahren gründlichster Arbeit, von dem man sagt, es habe sich bis zu seiner Veröffentlichung einen schwierigen Weg bahnen müssen. Als ich es schließlich in Händen hielt (1700 Seiten auf Bibeldruckpapier), glaubte ich, die „Bibel“ vor mir zu haben, die sich als unumgänglich erweisen würde, um endlich daran zu gehen, die okkulten Hintergründe des fünfjährigen Krieges (28. Juni 1914 bis 28. Juni 1919, von Sarajevo bis Versailles) auszuleuchten, dessen Beginn vor hundert Jahren wir 2014 in denkbar undurchdringlichstem Nebel „feiern“.
Und fast 300 Seiten lang wurde meine Begeisterung kaum getrübt: Die Nationalitätenfrage im Osten und Süden Mitteleuropas, die in Europa wirkenden Kräfte und die (oder zumindest einige der) erhellenden Äußerungen Steiners wurden mit bewundernswürdiger Dokumentation und Gründlichkeit behandelt.
 
Erste leise Zweifel regten sich bei der Lektüre des Teils „Im ‹okkulten Untergrund›“ (S. 267-496), der sich einer gewissen Anzahl von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aktiven esoterischen, okkulten Bewegungen widmet. Was hier dargestellt wurde, erschien ganz stimmig (wenngleich bereits mit seltsamen Lücken); beim Weiterlesen machte sich allerdings ein gewisses, zunehmend „lauter“ werdendes Schweigen über einen großen Abwesenden bemerkbar: den Jesuitismus. Und dies, obwohl es in den vollständigen Äußerungen Steiners insgesamt, besonders denjenigen der Jahre 1916-1925, zahlreiche Hinweise auf den okkulten Jesuitismus gibt, in mindestens 50 Vorträgen und Gesprächen,[1] Hinweise, die wesentlich für das Thema sind und unumgänglich, sobald man den auf der Umschlagseite des Buches erscheinenden Untertitel Osterrieders: «(…) und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg» ernst nimmt.
 
An diesem Punkt der Lektüre dachte ich jedoch noch, diese „Komponente“ werde in den nachfolgenden Kapiteln behandelt und es würde ihr zweifellos mindestens ein Kapitel gewidmet.
Mehr als eine vage Komponente, bildet der Jesuitismus (sowie seine Verzweigungen und das Papsttum selbst, der Vatikan usw.) tatsächlich einen wesentlichen, konkreten Bestandteil dessen, wogegen Steiner sich positioniert hat, kurz gesagt seiner „Haltung“.
 
Den okkulten Jesuitismus zu verschweigen würde dazu führen, das Thema eines entscheidenden Teils zu berauben, die ganze Debatte aus dem Gleichgewicht zu bringen und die gesamte Perspektive zu verfälschen.
 
Während nun aber auf allen verbleibenden 1150 Seiten und in der Bibliographie zwar die okkulte Freimaurerei (mit ihren Anhängen und Verzweigungen) als Kriegstreiber allgegenwärtig ist (und natürlich war sie dies, ist es und wird es sein), ist der Jesuitismus (einschließlich seiner Anhänge und Verzweigungen) abwesend.
Um genau zu sein: nicht völlig abwesend.
Tatsächlich erscheinen einige Erwähnungen der Jesuiten, doch handelt es sich in absolut allen Fällen um sehr vereinzelte, rein äußerliche, quasi anekdotische Erwähnungen, deren Wortlaut vor allem nicht so gestaltet ist, dass er auch nur die geringste Veranschaulichung des grundlegenden jesuitischen Problems erlauben würde, ganz im Gegenteil:
 
• S. 279: Buonarroti, der sich selbst so darstellen soll, als wolle er ein Gegengewicht zu Ignatius von Loyola bilden;
• S. 503: Joseph de Maistre, von Jesuiten erzogen;
• S. 504: Adam Weishaupt, auch er von Jesuiten erzogen;
• S. 592/593: Existenz eines Antifreimaurertums jesuitischen Ursprungs: Anton Puntigam;
• S. 842: Zitat von C. Rhodes;
• S. 843: Zitat von C. von Neumayer (über die Absicht Adam Weishaupts, ein Gegengewicht zum Jesuiten-Orden zu schaffen, zum Vergleich mit Rhodes);
• S. 844: Zitat von Rhodes;
• S. 845: Loyola von Quigley erwähnt, der Rhodes zitiert;
• S. 848: Loyola von Quigley erwähnt, der Stead im Zusammenhang mit seinem Freund Rhodes zitiert;
• S. 861: Erwähnung Loyolas in einem Brief von Rhodes an Stead.
 
Die letzten 6 Verweise sind eigentlich ein einziger und bringen lediglich zum Ausdruck, dass Cecil Rhodes einen Orden nach dem Vorbild von Ignatius von Loyola begründen wollte (wie es später auch Hitler und Himmler tun werden).
 
• S. 916: Das sehr kurze Zitat Steiners ist sorgfältig „ausgeschnitten“, während Steiner in diesem Vortrag vom 3. November 1918 (in Geschichtliche Symptomatologie, GA 185) gerade die Tatsache entwickelt, dass der okkulte Jesuitismus stark mit den angelsächsischen okkulten Strömungen verwandt ist. Übrigens ist das Wort „Jesuit“ oder „Jesuitismus“ nicht einmal in das Steiner-Zitat einbezogen; M.O. selbst ist es, der es in einem sehr kurzen Kommentar verwendet: «Aus dem „Jesuitismus“ der römischen Kirche stamme hingegen die Neigung, das Gottesreich auf die Erde hinunterzutragen…», wobei M.O. auf diese Weise den Gedanken Steiners zusammenzufassen vorgibt, einem Kommentar, in dem das Wort „Jesuitismus“ in Anführungszeichen gesetzt wird, als wolle man ihm einen übertragenen, abstrakten, allgemeinen, harmlosen Sinn geben, als wolle man sich distanzieren (von einem Wort, das – ich wiederhole es – in dem zitierten Passus Steiners gar nicht vorkommt, und dies innerhalb eines im Konjunktiv formulierten Satzes [„stamme“], wo es doch in den betreffenden Vorträgen Steiners vom Oktober/November 1918 (Geschichtliche Symptomatologie, GA 185), auf die sich diese trügerische Anspielung bezieht, der konkreteste Jesuitismus, ohne Anführungszeichen und ohne Konjunktiv ist, der in Frage gestellt wird, und zwar in denkbar klarster und drastischster Form. M.O. relativiert, ja ironisiert also über einen Ausdruck (Jesuitismus), den er hier selbst zum ersten Mal verwendet, ohne ihn zuvor definiert, noch kommentiert oder kritisiert zu haben. Der Sinn dieser Anführungszeichen und dieses Konjunktivs wird bald verständlich werden, wenn wir zum Zitat auf S. 1481 kommen.
 
• S. 1286/87: Auch hier handelt es sich, wie auf S. 592/593, lediglich darum, die Existenz eines Antifreimaurertums jesuitischer Machart zu erwähnen, hier bei Hermann Gruber, im Rahmen einer Betrachtung über das Buch Karl Heises. Ein Satz des Steiner-Zitats hätte übrigens den Keim zu einer Bewusstwerdung bilden können:
 
«(…) Denn selbstverständlich ist dasjenige, was bekämpft werden muss an den englisch-amerikanischen Geheimgesellschaften, genau dasselbe, was bekämpft werden muss am Jesuitismus. (…)»(R. Steiner, Vortrag vom 6. Dezember 1918, in Die soziale Grundforderung unserer Zeit in geänderter Zeitlage, GA 186)
 
Im gesamten Buch ist das der einzige Satz Steiners[2] zu diesem entscheidenden Thema der Nähe zwischen Freimaurertum und Jesuitismus, während in den Vorträgen dieser Zeit solche Sätze sehr zahlreich vorkommen und Anlass zu vielfältigen Ausführungen von wesentlicher Bedeutung für den Kern des Themas geben: die okkulten Ursachen des Krieges.
Doch verwässert in dem Zitat, dieses selbst verwässert in einer polemischen Überlegung ganz und gar anekdotischer Art über Freimaurertum und Antifreimaurertum, und natürlich von M.O. weder aufgegriffen noch weiterverfolgt, bleibt dieser Satz steril.
 
Ein Versehen?
Oder die Methode des Gegenfeuers?
 
In sämtlichen oben angeführten Fällen handelt es sich lediglich darum, rein äußerliche (im Übrigen bereits bekannte und harmlose) Informationen zu liefern, jenseits derer M.O. sich nicht um einen einzigen Millimeter vorwagt, sich nicht „kompromittiert“! Nie geht es dem Autor darum, sich zu irgendeinem grundlegenden jesuitischen Problem zu äußern, dessen Existenz er zu ignorieren scheint oder vielmehr ignorieren will. „Ignorieren will“, denn wenn man Steiners Werk gelesen und vertieft hat wie er, und eben gerade zu diesem spezifischen Thema, so kann man das nicht ignorieren, oder aber man muss es wirklich wollen und mit aller Kraft wollen, muss in dieser Absicht einen enormen „guten Willen“ entwickeln, das heißt einen immensen schlechten Willen. Diese wenigen Fälle treten sämtlich im Rahmen von Zitaten oder um ein Zitat zu kommentieren auf, und niemals werden sie weitergeführt bis zu dem eigentlichen jesuitischen Problem.Ja sogar im Gegenteil, jedes Mal gibt es etwas, was dem Blick auf das Problem etwas Indirektes, Verfremdendes, Ironisierendes verleiht: Anführungszeichen, Konditionalform, Begrenzung der Tragweite, Relativierung, Banalisierung, usw. So zum Beispiel in dem Zitat S. 1287: Hinzufügen in Klammern des Wortes „katholisch“ durch M.O. („von jener [katholischen] Seite“), während im vollständigen Text Steiners in dem der zitierten Passage vorausgehenden Absatz zweimal von „Jesuiten“, und einige Zeilen nach der zitierten Stelle von „Jesuitismus“ die Rede ist, so als solle die Tragweite des Wortes „Jesuitismus“ dort, wo es dennoch erscheint, vorbeugend minimiert werden (siehe den vollständigen Vortrag vom 6. Dezember 1918, in Die soziale Grundforderung unserer Zeit in geänderter Zeitlage, GA 186).
 
• S. 1481: Endlich bringt M.O. ein frappierendes Zitat Steiners, und dieses ist schließlich in dem Buch das einzige dieser Art (oder das zweite, wenn man dasjenige von S. 1287 als erstes betrachtet) – obwohl solche Zitate in Steiners Werk so zahlreich vorhanden sind:
 
«Wie gesagt, über den übrigen Inhalt des Buches [Anm. d. Verfassers (C.L.): DieProtokolle der Weisen von Zion, das gerade in Deutschland herausgekommen war]will ich nicht sprechen, aber man braucht nur ganz weniges von diesen Protokollen zu lesen und die Welt zu kennen, so weiss man, dass es sich um einen der plumpesten jesuitischen Schwindel handelt. Es sind einfach jesuitische Falsifikate, die aufgeschrieben worden sind, um eine solche Gesellschaft hinzustellen [Anm. d. Verfassers (C.L.): „Die Weisen von Zion“, im Rahmen dieser Mystifizierung erfundene fiktive Gesellschaft]
(R. Steiner, Vortrag vom 5. April 1919, in Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage, GA 190, von M.O. bereits auf S. 561 – ebenfalls im Zusammenhang mit den Protokollen – erwähnter Vortrag, ohne dort jedoch die zweimal das Wort „jesuitisch“ enthaltende Passage zu zitieren).

 
ABER – und das ändert alles –, um sofort als Fußnote anzufügen (Fußnote 3885):
 
 «Da die komplizierte, immer noch nicht völlig geklärte Genese der „Protokolle“ u.a. auch in das Milieu des antisemitischen, antifreimaurerischen Rechtskatholizismus (…) führt, ist Steiners Kennzeichnung nicht völlig abwegig.»
 
Dann fügt M.O. nach einigen bibliographischen Hinweisen hinzu:
 
«Zudem verwendete Steiner den Begriff „jesuitisch“ auch des öfteren als Charakterisierung einer bestimmten, auf Willensbeeinflussung zielenden, suggestiven Methodik. [Anm. d. Verfassers (C.L.): Auch hier setzt M.O., wie nach dem Zitat auf S. 1286, das Wort „jesuitisch“ in Anführungszeichen.]»
 
Das einzige Mal (auf diesen 1700 Seiten) also, wo es so aussehen könnte, als wolle sich Osterrieder die Frage stellen, geschieht es, um sich ihr in zwei Sätzen zu entziehen, sie zu umgehen, in zwei Sätzen, die wie eine Signatur sind.
Die Debatte über den okkulten Jesuitismus umgehen, vor allem aber Rudolf Steiner hinsichtlich dieses Themas relativieren, unglaubwürdig machen, indem er den Zweifel auf alles ausweitet, was Steiner zu diesem Thema sagen konnte.
Das ist wie Lindenberg, 25 Jahre später.
 
Welcher Großmut im ersten Satz! „Nicht völlig abwegig“, Steiners Kennzeichnung (welche M.O. im Übrigen nicht einmal genau bezeichnet: es handelt sich eben gerade um Steiners zweimalige Verwendung des Wortes „jesuitisch“). Tatsächlich bestätigt M.O. durch einen solchen Satz seine Position als Beschützer des Jesuitismus: Man kann in dem Steiner-Zitat ja notfalls die Tatsache durchgehen lassen, dass er hier von einer gewissen Tendenz eines gewissen Katholizismus sprechen möchte, aber die Verwendung des Wortes „jesuitisch“ durch Steiner ist natürlich missbräuchlich, abwegig…
Glücklicherweise ist M.O. da, um Steiner auf den rechten Weg zurückzubringen, denjenigen, der nach Rom führt…
Man hätte ja sonst versehentlich glauben können, Steiner hätte, indem er das Wort „jesuitisch“ aussprach, von Jesuiten und Jesuitismus sprechen wollen! Stellen Sie sich das vor!
„Nicht völlig abwegig“, Steiners Kennzeichnung, aber eben doch abwegig!
 
Dann, im zweiten Satz, sehe ich überhaupt nicht, warum Steiner, der seit genau drei Jahren (4. April 1916, in Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167) im okkultesten Sinn und in feierlich-ernstestem Ton vom jesuitischen Problem spricht, plötzlich den Ausdruck „jesuitisch“ (von M.O. in Anführungszeichen gesetzt) so verwenden würde (Steiner spricht hier von «einem der plumpesten jesuitischen Schwindel» und «einfach jesuitischen Falsifikaten»), als wolle er nur vage und ganz allgemein auf eine Suggestionsmethode hinweisen, wie es uns M.O. einflüstert! Letzterer möchte den Sinn des Wortes „jesuitisch“ in Richtung auf etwas wie „jesuitistisch“[3]ziehen, während dieses Wort eben vor allem den Sinn von „jesuitisch“ hat: jesuitischer (und nicht „jesuitistischer“) Schwindel, jesuitische (und nicht „jesuitistische“ Falsifikate).
 
Eigentlich weicht M.O. 1700 Seiten lang einer klaren Antwort aus, und hier glaubt er die Gelegenheit gefunden zu haben, diese Ablenkungsmanöver zu rechtfertigen: Steiner spräche vom Jesuitismus, wie man es in der alltäglichen Unterhaltung tut (also im übertragenen Sinn), wenn man jemanden als durchtriebene oder hinterlistige oder auch manipulierende Person charakterisieren möchte…
Aber Sie sind es, Herr Osterrieder, der in diesem Sinne „jesuitisch“ ist!
 
Und wenn in diesem zweiten Satz weiter gesagt wird, dass Steiner auch des öfteren den Begriff ‚jesuitisch‘ verwendete…, will uns der Autor dann durch die Verwendung dieses „des öfteren“ sagen, Steiner habe sich dazu hinreißen lassen, dieses Wort oft (immer?) einfach zu verwenden, um ganz allgemein eine Art auf den Willen wirkender suggestiver Methode“ zu beschreiben?
Oder aber will der Autor durch dieses „des öfteren“ – ohne es zu sagen oder beinahe ungewollt – einräumen, Steiner habe tatsächlich oft von den Jesuiten oder dem Jesuitismus gesprochen, vor allem in diesen Kriegsjahren und der unmittelbaren Nachkriegszeit? In diesem Fall aber, und entgegen der äußerst einschränkenden – tatsächlich verlogenen – Interpretation M.O.s muss deutlich und nachdrücklich gesagt werden, dass, wenn Steiner über die Jesuiten und den okkulten Jesuitismus sprach, dies stets geschah, um die ungeheuerliche Geste der jesuitischen Einweihung, welche die Vergewaltigung des menschlichen Willens, die fundamentalste Verletzung der menschlichen Würde darstellt, schonungslos anzuprangern.
Will der Autor sichhier durch diese Kehrtwendung reinwaschenvon diesen sehr zahlreichen, wirklich von Steiner ausgesprochenen Sätzen (die M.O. gezwungenermaßen selbst unzählige Male gelesen haben muss, und die man nicht umgehen kann, die man nicht „vergessen“ kann, so zahlreich, so prägend und so schrecklich sind sie), von diesen Sätzen, die wesentlich sind, um das Problem des Bösen zu verstehen, und von denen sich nicht ein einziger in Osterrieders Buch wiederfindet?
Denn dieser zweite Satz der Fußnote 3885 verrät ein Bedürfnis, auszudrücken – allerdings in verzerrter, täuschender Art, in falscher Münze –, warum er das Thema nicht angeschnitten hat: Steiner habe stets von „jesuitisch“ gesprochen, um von etwas anderem zu sprechen.
Aber NEIN, selbstverständlich NEIN: Steiner hat von den Jesuiten und dem Jesuitismus, und von der jesuitischen Einweihung gesprochen, um von den Jesuiten und dem Jesuitismus und der jesuitischen Einweihung zu sprechen.
Um auf den ersten Satz zurückzukommen: es gilt zu bedenken, dass die Fußnote die wohlbekannten Protokolle (genannt Protokolle der Weisen von Zion) betrifft, einen okkulten Egregor[4], der das gesamte 20. Jahrhundert durchzogen hat und sein verheerendes Werk weiter fortsetzt. Hier hätte sich die perfekte Gelegenheit geboten, die Frage der jesuitischen Handschrift beim Verfertigen derartiger Texte anzugehen, die geeignet sind, die Seelen jahrzehnte-, ja sogar jahrhundertelang zu verwirren. Offensichtlich war es jedoch nicht an der Tagesordnung, eine derartige Gelegenheit mit diesem Ziel zu ergreifen; ganz im Gegenteil – und das ist höchst bedeutsam –, sie wurde ergriffen, um eben gerade Steiners Verwendung des Wortes „jesuitisch“ (an dieser Stelle, aber von dort aus in seinem gesamten Werk) jedes ernsten Inhalts und damit jeglicher Kraft zu entleeren.
Denn diese Bagatellisierung, Minimierung, ja dieses fast Ins-Lächerliche-Ziehen der Äußerungen Steiners wendet auf subtile Weise die Kraft dieser Äußerungen gegen Steiner.
 
Jedenfalls stellt diese Fußnote ein kleines Meisterwerk gedrängter Kasuistik dar: denn hier – in dieser Fußnote 3885 – finden sich tatsächlich die beiden einzigen Sätze des Buches, in denen M.O. seine persönliche Meinung darüber abgibt, was man von alledem zu halten habe, was Steiner in mehr als zwei Jahrzehnten über die Jesuiten und den okkulten Jesuitismus und deren konkretes Wirken (und nicht über irgendeinen „jesuitischen Begriff“) geäußert hat, das heißt, was man von all dem zu halten habe, was Steiner klar und deutlich gegen die realen Jesuiten geäußert hat – von Äußerungen, die M.O. sorgfältig verschleiert, kaschiert hat, Äußerungen, die von 1916 bis 1925 besonders zahlreich waren (und bereits 1911 deutlich zum Ausdruck gebracht wurden) und die radikal und unmissverständlich waren.
 
Trotzdem vielen Dank dafür, diese Fußnote 3885 auf Seite 1481 gedruckt zu haben!
Sie ermöglicht es endlich, einen Zipfel von Osterrieders Haltung gegenüber Steiners Haltung zum Jesuitismus zu erhaschen.
 
Dahin also gelangt jemand, der 14 Jahre damit verbracht hat, sein Buch auszufeilen, und der zweifelsohne schon lange vorher die Äußerungen Steiners zum Krieg von 14/19 gelesen hat, diese Äußerungen Steiners, die überquellen von scharfen Brandmarkungen gegen die Jesuiten und vor allem gegen den okkulten Jesuitismus, Brandmarkungen, die mit vielfältigen Beispielen sorgfältig untermauert werden.
M.O. treibt es soweit, unaufhörlich gerade Passagen aus genau diesen Vorträgen zu erwähnen oder sogar zu zitieren, sie dann aber sorgsam auszuschneiden (indem er mit der Geschicklichkeit eines Chirurgen an ihnen „herumschnippelt“), um auch nicht das Geringste von dem jesuitischen Problem, dem jesuitischen Übel durchscheinen zu lassen.
Das verleiht diesen wenigen minimalistischen Hinweisen einen seltsamen Klang. Handelt es sich hier nicht darum, aufpraktisch unterschwellige Art anzudeuten: Wir haben das Problem angesprochen, man wird nicht sagen können, wir hätten es vertuscht?
 
Ich sage dagegen: Doch, Sie haben es vertuscht, und Sie haben es sogar gerade durch ein „okkultes“ Verfahren vertuscht, indem Sie in nebensächliche Betrachtungen und aus ihrem Zusammenhang gerissene Zitate einige kaum wahrnehmbare Erwähnungen haben einfließen lassen, und dies vor allem, ohne die Frage (der immensen verhängnisvollen Auswirkungen des okkulten Jesuitismus großen Maßstabs in Zeit und Raum) in Ihrem Text jemals ausdrücklich anzusprechen.
 

6

Natürlich werden einige vielleicht sagen, es handele sich hier um eine homöopathische Art (sehr, sehr hohe Verdünnungen!), die Frage anzugehen… 
Ich sage dagegen: Das ist nicht Homöopathie, das ist Vergiftung.
 
Der ganze Kern des Themas, die tatsächlichen Ursachen des Ersten Weltkriegs, und selbstverständlich hier vor allem die erhellenden Angaben Rudolf Steiners zu dieser Frage (Ergebnisse einer in ihrer Art einmaligen hellsichtigen Forschung) sind damit aus dem Gleichgewicht gebracht, gelähmt, entstellt; diese Einseitigkeit (allein der freimaurerische Pol), diese „halbseitige Lähmung“, diese „Schizoidie“ senkt in die Seelen ein unentwirrbares Durcheinander, weil immer ein Hauptakteur, ein Bein, ein Arm, mindestens eine Hälfte der Frage fehlt.
 
Mithin wird auch der freimaurerische Pol selbst, obwohl er das gesamte Buch hindurch quantitativ allgegenwärtig und reichlich und glänzend dokumentiert ist, nicht aus seiner richtigen Perspektive, unter seiner richtigen Beleuchtung dargestellt, und dies bereits aus einem einfachen, ausreichenden Grund: Man versteht nichts vom Freimaurertum, wenn man nicht den okkulten Jesuitismus berücksichtigt, und zwar von den Anfängen dieser Freimaurerei an wirkend, und dann in einem ständigen Zusammenwirken zwischen Logen und Jesuitismus seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und bis in unsere Tage; das sind mindestens zwei Jahrhunderte einer fortlaufenden gemeinsamen Geschichte.
Die Freimaurerei der jesuitischen Dimension entkleiden heißt, jede sachdienliche Betrachtung des freimaurerischen Einflusses erschweren, unmöglich machen. Es ist, als nehme der Autor Steiner nicht wirklich ernst! Es sei denn, es ist sogar noch schlimmer und handelt sich um einen bewussten, willentlichen Versuch, den Jesuitismus aus der Debatte zu nehmen.
 
Zudem kann man bemerken, dass, während neue Dokumente über das freimaurerische und parafreimaurerische Wirken quantitativ im Überfluss vorhanden sind, es eigentlich sehr wenig, ja praktisch nichts – und das ist der Gipfel! – über die treffendsten und esoterischsten Erklärungen Steiners selbst zu den okkulten Logen allgemein und zur Freimaurerei im Besonderen gibt. Man könnte meinen, der Autor habe sich große Mühe gegeben, schon hinsichtlich dieses freimaurerischen Teils des Themas lediglich die banalsten, die „annehmbarsten“, die „akademischsten“, die konsensträchtigsten Angaben zu berücksichtigen, denn wenn man Steiner zur Frage dieses freimaurerischen Teils richtig zitiert, kann man logischerweise nicht umhin… den Teil des okkulten Jesuitismus zu erwähnen. Die Abwesenheit des Jesuitismus bringt das gesamte Gebäude aus dem Gleichgewicht: Man lässt von ein und demselben Schauspieler Rollen spielen, die in der Realität von mehreren gespielt werden. Das verfälscht alles. Die Tatsache, hier einen einzigen Verantwortlichen hinzustellen, vereinfacht zwar (künstlich) die Debatte, macht diese jedoch schief, hinfällig.
 
Dadurch verliert, entschärft sich zugleich auch die Stigmatisierung des Bolschewismus und des sozialistischen Experiments im Osten, die Steiner sehr häufig vorgenommen hat, indem er auf die enge Verbindung mit den beiden anderen Strömungen (in einer Art Dreifuß des Bösen) verwies, denn das Paar „angelsächsische Logen + Jesuitismus“ ist es, das als Pate und Patin dieses Neuankömmlings auf dem Felde der Antichristus-Einweihungen fungiert (siehe beispielsweise den Vortrag vom 13. Juni 1920, in Gegensätze in der Menschheitsentwicklung – West und Ost, Materialismus und Mystik, Wissen und Glauben, GA 197).
 
Klar ausgedrückt: Das riesige jesuitische Problem, so wie Steiner es herausgearbeitet hat und unter dessen aktiver, konkreter und unerbittlicher Rache er unablässig zu leiden hatte (vor allem in der Folge der Vorträge vom Oktober 1911, Von Jesus zu Christus, GA 131, wie er es selbst sagte), ist aus Osterrieders Buch ganz einfach ausgeklammert; und wenn der Jesuitismus sehr vage, in winzigster Dosis erwähnt wird, dann nur um die heldenhafte Geste Steiners auszuhöhlen, sie ihrer Kraft und vor allem schon ihres Inhalts zu entleeren.
Deshalb sage ich, angesichts der entscheidenden (quantitativen und qualitativen) Bedeutung, welche Steiner dem jesuitischen Problem beimisst, und zwar gerade im Rahmen der im Zeitraum 1916-1924 gehaltenen Vorträge, dass M.O.s Buch „jesuitistisch“ ist (in dem Sinne, dass es Ablenkungs-, Verschleierungsmethoden benutzt), vor allem aber, dass es wirklich ein „jesuitisches Buch“ ist, in dem Sinne, dass es die Rolle der Jesuiten verbirgt, kaschiert, „reinwäscht“, „deckt“, und so – in einer selbstreflexiven Geste – eine der Schlüsselmethoden ihres Wirkens übernimmt: im Verborgenen bleiben, um im Schatten, aus dem Schatten agieren zu können.
 
Man wird mir sagen, ich bezichtigte ein Buch, das nicht einmal von Jesuitismus spricht, des Jesuitismus im schlimmsten Sinn des Wortes, im okkulten Sinn. Paradox?
Das ist Lüge durch aktives Weglassen, Übergehen. Hier ist der Jesuitismus „im Hohlrelief“. Es geht nicht einfach nur um das Problem eines Aspekts des Themas, der nicht behandelt würde. Es ist das Problem einer aktiven Zurückbehaltung, einer Methode willentlichen Absperrens der Information, einer gewollten Verdeckung – während Steiner selber mit größter Deutlichkeit davon gesprochen hat.
 
M.O. sichert dem Hauptverantwortlichen (gemeinsam mit dem Freimaurertum und mindestens ebenso viel wie Letzteres) des historischen und sozialen Übels unserer modernen Zeit, und insbesondere dieses Ersten Weltkrieges – der ja immerhin das Thema dieses 1700 Seiten starken Wälzers bildet – das Inkognito, die Anonymität…
 
Diese Abwesenheit des Jesuitismus (sowie anderer katholischer oder anglikanischer Instanzen, sogar protestantischer, denn es gibt auch eine Art protestantischen Parajesuitismus…) macht diese gigantische Dokumentationsarbeit, die M.O.s Buch darstellt, völlig unausgewogen und vor allem gefährlich. Gewiss behält der geduldig zusammengetragene Schatz an Dokumenten einen objektiven Wert, doch er enthält einen – nur sehr schwer wahrnehmbaren – Formfehler. Man müsste diese Sache „entminen“, diese Zeitbombe entschärfen können, indem man ihr sozusagen fortwährend den fehlenden Teil hinzufügt (zumindest einen der fehlenden wesentlichen Teile) und damit versucht, die Dynamik des Themas, so wie Steiner es enthüllt hatte, wiederherzustellen, (beispielsweise die Hand der Jesuiten bis in dieEinrichtung der Hochgrade der Freimaurerei).
 
Dieses Buch umfasst einen furchtbar mächtigen unterschwelligen Teil, in einem infrabewussten Bereich wirkend, direkt ins Gefühl und in den Willen hinein.
 
Denn der Leser wird in keinem Moment dazu angehalten, das Buch zu vervollständigen. Er wird in dem Glauben belassen, das Wesentliche der Angaben Steiners zu der Frage sei hier präsent. Es fehlt ihm jedoch ein entscheidender Aspekt, und dieser Mangel belastet den ganzen Rest, verzerrt die zu einer Urteilsbildung notwendigen Elemente, bringt die Seelen aus dem Gleichgewicht. Dieses Buch ist höchst gefährlich, da es einen „in Reserve gehaltenen“, unsichtbaren, verschleierten Teil birgt, der dadurch okkult aktiv und schädlich wird.
 
Wir befinden uns typisch in dieser Art okkulter Widersprüche, von denen Steiner während derselben Jahre (zum Thema der Achten Sphäre) bemerkte:
 
«Diese Theorien gehen in das allgemeine Leben der Seele hinein und färben die Empfindungen und Gefühle. Darauf waren sie ja berechnet, die Seelen in eine gewisse Richtung zu bringen. Das ist so, wie wenn man eine unentwirrbare Irrtumsinsel da drinnen hätte.»(R. Steiner, Vortrag vom 17. Oktober 1915, in Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur, GA 254).
 
Auch befinden wir uns typisch in dem, was schon Louis-Claude de Saint-Martin sagte («Der absolut falsche Sinn hat mir weniger Kummer bereitet als der halbwahre Sinn, weil diese wahre Hälfte die andere daran hinderte, sich zu berichtigen.») und was Rudolf Steiner bezüglich der Halbwahrheiten (oder Bruchteile der Wahrheit) sagte, die gefährlicher sind als glatte Irrtümer oder glatte Lügen, da der wahre, stichhaltige Teil – durch die von seiner Richtigkeit ausgeübte Faszination – verhindert, dass der andere, falsche, problematische Teil korrigiert, ja dass er überhaupt wahrgenommen werden kann. Denn es handelt sich hier um eine etwas spezielle Form dieses Problems der Halbwahrheiten; es ist der sichtbare Teil, das Monument an Arbeit, an Dokumenten, die Akzentsetzung auf den freimaurerischen Pol, welcher die Wahrnehmung des unsichtbaren Teils, der „Lücke“ (des jesuitischen Pols), verhindert, oder genauer gesagt: der sichtbare Teil lenkt ab, ja tritt an die Stelle dieses anderen Teils.
 
Doch eine solche Lücke, so etwas Unausgesprochenes, ist höchst aktiv, bleibt nicht leer, es ist in verschiedenartigster Weise „bewohnt“ und arbeitet negativ in den Seelen.
 
*
 
Dieses Buch, dessen Lektüre ich mit so viel Begeisterung begonnen hatte, ist für mich zu einem der problematischsten Bücher der (sogenannten) anthroposophischen Sekundärliteratur geworden, ein in gewisser Weise noch problematischeres Buch als die Verirrungen von Judith von Halle, Robert Powell und so vielen anderen, wie beispielsweise in jüngster Zeit die Kette von Verirrungen im Zusammenhang mit der SKA-Affäre (Kritische Steiner-Ausgabe), problematischer, weil eben gerade von hoher technischer Qualität, praktisch unangreifbar in seinem sichtbaren Teil.
 
Nun ist die Frage, sind die Fragen:
 
• Was ist der Grund eines solchen Schweigens?
 
• Handelt es sich um eine Entscheidung des Autors, zum Beispiel Bedenken des Historikers, für die ich keine Rechtfertigung sehen kann, sobald es sich darum handelt, eben als Historiker die Haltung Rudolf Steiners zu beschreiben und somit alles, was dieser an Wesentlichem zum Thema geäußert hat, zu berichten (und vielleicht auszuarbeiten)?
 
• Handelt es sich um die Angst, mit „Verschwörungstheoretikern“ gleichgesetzt zu werden, was einen für den Rest seiner Tage ghettoisiert, einen entehrt? Doch was ist „Verschwörungstheorie“, was ist der Verdacht des „Konspirationismus“, wenn nicht ein raffiniertes Verbot, gewisse Themen anzusprechen?
Auf jeden Fall war Steiner kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein klarsichtig-hellsichtig-phänomenologischer Beobachter gewisser Tatsachen.
Gewiss ein schwer zu übernehmendes Erbe!
 
• Handelt es sich um eine von den Herausgebern oder von Druck ausübenden Interessengruppen, die sich anthroposophisch nennen (im Dunstkreis pseudo-anthroposophischer Zeitschriften wie Die Drei, Info3, Das Goetheanum…) oder seitens gewisser (vom Jesuitismus genährter) tombergianischer oder (vom Relativismus genährter) lindenbergianischer Kreise oder von anderen, sich anthroposophisch nennenden „Denkfabriken“ aufgezwungene Entscheidung?
 
• Oder um einen Avatar dessen, was ich meinerseits den „Egregor Lindenberg“ nenne, das heißt ein Sterilisierungs- und sogar Umkehrungsinstrument der Anthroposophie mitten im Herzen der sich auf die Anthroposophie berufenden Kreise?
 
• Um eine finanzielle Erpressung?
 
• Um eine direkte oder indirekte jesuitische Erpressung?
 
• Hat der Autor die jesuitische Rache gefürchtet? Denn diese wäre tatsächlich unvermeidlich, unausweichlich, automatisch. Aber dann schreibt man kein Buch, das sich im Hinblick auf die Hintergründe des Ersten Weltkriegs vom Gesichtspunkt der Anthroposophie ausals sachkundig versteht. Oder aber man schreibt es, doch dann bezahlt man dafür im eigentlichen Inhalt des Buches, indem man zu einer Verzerrung der Inhalte oder einer Selbstzensur gezwungen ist.
Es gibt keine Alternative: Wenn man die jesuitische Sache angreift (diese Sache, die in jeder Hinsicht über den exoterischen Jesuitismus hinausgeht), dann bezahlt man es und man bezahlt es sehr teuer, und es sind nicht die sich auf Anthroposophie berufenden Leute, die einen schützen werden, ganz im Gegenteil (ich weiß wovon ich rede).
 
Wenn man sich nun – und vielleicht auf die brüderliche Aufforderung seitens sich auf Anthroposophie berufender Kreise hin – der Omertà, dem Gesetz des Schweigens unterwirft, zu einem Gegenstand, der seinem eigentlichen Wesen nach unbedingt den Mut zur Enthüllung verlangt – und das ist hier der Fall, und Steiner hat den vollen Preis dafür bezahlt –, wenn man sich also entscheidet, das, was Steiner selbst über die Jesuiten enthüllt, ans Tageslicht gebracht hat, zu verbergen, es mit einem Schleier oder Bergen von Schleiern zu verhüllen, so ist man ganz einfach zu ihrem Komplizen, zu ihrem objektiven Verbündeten geworden.
 
*
 
Kurzum, dieses Buch, wahrhafte Fundgrube von Informationen über gewisse Hintergründe des Ersten Weltkriegs, ist – meines Erachtens – keinesfalls ein anthroposophisches Buch, denn es wird Steiner absolut nicht gerecht, was die Gesamtheit – und damit die innere Kohärenz – seiner geistigen Sicht auf die okkulten Hintergründe des Ersten Weltkriegs betrifft; es verfälscht die ganze innere Dynamik dieser Gesamtsicht.
Es ist ein jesuitisches Buch (in dem Sinne, dass es den jesuitischen Interessen dient, indem es den Jesuitismus „vergisst“, ihn vergessen macht, indem es ihn aus dem Thema verbannt), „Jesuitismus im Hohlrelief“, da es wieder verhüllt, was Steiner enthüllt hatte, indem es ein totales Schweigen über das okkulte Wirken der Jesuiten breitet, wie es Rudolf Steiner angeprangert hatte.
 

Ergänzung und Berichtigung
 
Nach Austausch mit verschiedenen Personen (per Telefon und E-Mail) wurde mir bewusst, dass ich drei weitere, in dem Buch Welt im Umbruch vorhandene Bezugnahmen auf den Jesuitismus „verpasst“ hatte (sie finden sich auf den ersten 300 Seiten, also bevor ich begann, mir die diesbezügliche Frage zu stellen, und ich gebe meinen Fehler zu, diese ersten 300 Seiten nicht nochmals systematisch durchgelesen zu haben).
 
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S. 269:
   Die Hannoveranische Maurerei wurde 1717 in England auch mit dem Ziel ins Leben gerufen, der «Verschwörung»der den Stuarts loyalen Freimaurer mit Verweis auf ihre jesuitisch-katholischen Verbindungen durch ein eigenes, ‹aufgeklärtes›, ‹modernes›maurerisches System zu entgegnen.
 
S. 273/274, Fußnote672:
BILLINGTON: Fire in the Minds of Men, S. 86f.
   In einer Aufzeichnung, die auf Gespräche von Ludwig Polzer-Hoditz mit Rudolf Steiner zurückgehen soll, deren Herkunft und Entstehung aber umstritten bleibt, soll Steiner darauf aufmerksam gemacht haben, dass Freimaurer und Jesuiten «in ihren Spitzenorganisationen» seit Januar 1802 zu einem Zwangsbündnis gegen Napoléon zusammengefunden hätten. Zit. nach MEYER: Ludwig Polzer-Hoditz, S. 670. Die damaligen Ereignisse in Russland sowie im russländisch besetzten Polen könnten einen Schlüssel für einen faktischen Kern dieser Aufzeichnung liefern (vgl. unten S. 497 ff. die Ausführungen zu Adam Czartoryski).
 
S. 280, Fußnote 689:
KUYPERS: Les égalitaires en Belgique, S. 131f.
   Rudolf Steiner hat auf die Bedeutung Belgiens als Ort der Verbindung von ‘rechten’ und ‘linken’ Zirkeln im Jahr 1916 hingewiesen: «Denken Sie, was man wirken kann, wenn man einen solchen Apparat zur Verfügung hat! In einer besonders wirksamen Weise zum Beispiel ist gewirkt worden mit einem solchen Apparat, der zu gleicher Zeit Jesuiten und Freimaurerisches in Bewegung setzte, ohne dass man auf der Jesuitenseite und ohne dass man auf der freimaurerischen Seite etwas wusste davon, in einem gewissen Lande, das ja so etwa im Nordwesten von Europa liegt, zwischen Holland und Frankreich. Da waren besonders starke Wirkungen ausgegangen – nicht in der allerletzten Zeit, aber lange Zeit hindurch –, die sich sowohl der einen wie der anderen Strömung bedienten und die gar mancherlei wirken konnten.» Berlin, 4. April 1916, GA 167, S. 104

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Im ersten Fall handelt es sich um eine einfache historische Feststellung, die im Übrigen in einer Fußnote mit Büchern von Margaret C. Jacob in Verbindung gebracht wird. Es geht darum, einen einzelnen, an die historischen Umstände gebundenen Streit zwischen zwei Strömungen der Maurerei aufzuzeigen, und überhaupt nicht darum, den langfristigen geheimen Zusammenschluss zwischen Jesuitismus und Freimaurerei zu Bewusstsein zu bringen.
 
In den zwei folgenden Fällen – ebenso wie in den beiden anderen Fällen, auf die ich hingewiesen hatte (S. 1287 und Fußnote 3885, S. 1481) –, handelt es sich lediglich um Äußerungen Steiners (die eine in Form eines einfachen Hinweises, die andere als kurzes Zitat), die in zwei kleinen Fußnoten enthalten sind, ohne Kommentar zum Inhalt in diesen Fußnoten selbst und ohne dass dies im Buchtext in irgendeiner Weise zum Anlass genommen wird, das eigentliche Jesuitenproblem, wie es von Steiner charakterisiert wird, zu behandeln. Beide Fußnoten verweisen nur auf Bücher, die keinen direkten Zusammenhang zur Jesuiten-Frage haben. Es handelt sich gewissermaßen um bloße Veranschaulichungen anderer Themen (die erste im Zusammenhang mit Napoleon, die zweite mit Buonarroti), welche die Frage (wenn man sie denn kennt) zwar ein klein wenig berühren, doch – wie man deutlich sieht – mit so vielen Relativierungen („deren Herkunft und Entstehung umstritten bleibt“), subtilen Kontextualisierungen („Zwangsbündnis“,  „‹rechte› und ‹linke› Zirkel“, Konditionalform, Begrenzung auf bestimmte historische Ereignisse, usw.), dass diese Veranschaulichungen das Bewusstsein für das Problem verwässern und einschläfern, statt es zu wecken.
 
In dem (in Fußnote 689) erwähnten Vortrag vom 4. April 1916, der eben gerade einen grundlegenden Wert hinsichtlich der Frage des Zusammenschlusses von Jesuiten und Logen hat (da er meines Wissens der erste im gesamten Werk Steiners zum Thema dieses Schulterschlusses ist und dies praktisch in der Mitte des Ersten Weltkriegs), ist das von Steiner gezeichnete düstere Bild unendlich klarer und vollständiger als das kurz angeführte Zitat; und zwar nicht durch Verweise auf ‹rechte› und ‹linke› Zirkel, sondern beispielsweise durch Äußerungen wie diese:
 
(…) [C.L.: Die ersten zwei Drittel des Vortrages handelten von Symbolik und Zeremonien innerhalb der okkulten Bruderschaften, und von den verschiedenen freimaurerischen oder anderen Graden.]
 
« Und gehen Sie heute die – verzeihen Sie den Ausdruck, aber man muss ja manchmal treffende Ausdrücke gebrauchen – borniertesten Freimaureronkels durch, dann werden Sie sehen, dass diese in ihrem Ätherleib – nicht in ihrem physischen Leib, in ihrem bewussten Wissen, sondern in ihrem Ätherleib – ein ungeheures Wissen haben, besonders wenn sie es bis zum dritten Grad gebracht haben. Ein ungeheures unterbewusstes Wissen haben sie [C.L.: die Eingeweihten derartiger okkulter Gesellschaften]. Dieses Wissen, das durch Symbolik eben überliefert werden kann, das kann nun verwendet werden in der angedeuteten Weise redlich und unredlich.
Und sehen Sie, nun gibt es ja die verschiedensten okkulten Verbindungen, wiederum, ich möchte sagen, in zwei Polen. Der eine Pol, der trägt einen weltlich-christlichen Charakter, der andere Pol trägt einen kirchlich-christlichen Charakter. Ebenso wie man die Freimaurer zu rechnen hat zu dem weltlich-christlichen Charakter der symbolischen Verbrüderungen, hat man die Jesuiten zu rechnen zu der kirchlich-symbolischen Verbindung.[5]
Denn der Jesuit wird ebenso durch drei Grade durchgeführt, ebenso mit einer Symbolik versehen, und er lernt gerade durch diese Symbolik jenes ungeheuer Wirksame in seiner Sprache. Daher sind jesuitische Kanzelredner so ungeheuer wirksam, weil sie wissen, wie man eine Rede aufbaut, damit man wirken kann gerade auf die ungebildete Masse, wie man hintereinander gewisse Steigerungen macht. Es ist manchmal so, dass es dem gebildeten Menschen ungemein trivial vorkommt, aber es ist ungeheuer wirksam.
 
[…][C.L.: Hier folgt über eine ganze Seite das Beispiel einer Predigt des Jesuitenpaters Klinkowström, Predigt die Steiner sich angehört hatte eben um sie hellseherisch zu beobachten.]
 
«Das ist ungeheuer geschickt gemacht, ungeheuer geschickt gemacht in Bildern. Diese Leute gehen auch ihre drei Grade durch in ihrer Art. Und nun gibt es auch wiederum von dieser Sorte natürlich die verschiedensten Schattierungen, so wie auf der anderen Seite nicht alle okkulten Verbrüderungen maurerische Verbrüderungen sind. Es gibt ja sogar in Deutschland hier die Illuminaten[6] und dergleichen.
Aber nun gehen sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite über die drei unteren Grade die drei anderen hinaus. Es sind die drei oberen. Die die höheren Grade haben, und diejenigen, die die Inhaber der besonders hohen Grade sind bei gewissen Bruderschaften — selbstverständlich nicht bei allen, nur bei gewissen Bruderschaften —, die bilden eine Art Gemeinschaft, so dass es zum Beispiel durchaus möglich ist, dass ein Oberer einer Jesuitengemeinde zueiner solchen Gesellschaft dazugehört. Die Jesuiten bekämpfen selbstverständlich aufs wütendste die freimaurerischen Gemeinden, die freimaurerischen Gemeinden bekämpfen aufs wütendste die Jesuiten-Gemeinden; aber Obere der Freimaurer und Obere der Jesuiten-Gemeinde gehören den höheren Graden einer besonderen Bruderschaft an, bilden einen Staat im Staat, der die anderen umfasst.[7]
 
Denken Sie sich, was man in der Welt wirken kann, wenn man so wirken kann, dass man auf der einen Seite zum Beispiel der Obere einer freimaurerischen Gemeinde ist, die also als Instrument dient, um zu wirken, und man sich verständigen kann mit dem Oberen einer Jesuiten-Gemeinschaft, um eine einheitliche Handlung vorzunehmen, die nur vorgenommen werden kann, wenn man einen solchen Apparat zur Verfügung hat: Auf der einen Seite lässt man los die Brüder Freimaurer, die durch alle Kanäle irgend etwas furchtbar stark vertreten. Das muss vertreten werden. Wenn man aber nur auf der einen Seite die Stiere loslässt, dann, nicht wahr, wird es nichts. Man muss auf der anderen Seite die Sache bekämpfen lassen mit demselben Feuer, mit demselben Enthusiasmus. Denken Sie, was man wirken kann, wenn man einen solchen Apparat zur Verfügung hat! In einer besonders wirksamen Weise zum Beispiel ist gewirkt worden mit einem solchen Apparat, der zu gleicher Zeit Jesuiten und Freimaurerisches in Bewegung setzte, ohne dass man auf der Jesuitenseite und ohne dass man auf der freimaurerischen Seite etwas wusste davon, in einem gewissen Lande, das ja so etwa im Nordwesten von Europa liegt, zwischen Holland und Frankreich. Da waren besonders starke Wirkungen ausgegangen — nicht in der allerletzten Zeit, aber lange Zeit hindurch —, die sich sowohl der einen wie der anderen Strömung bedienten und die gar mancherlei wirken konnten.
 
Die Zeit ist vorgerückt. Ich werde heute über acht Tage Sie in noch konkretere Gebiete auf diesem Feld hinunterführen, meine lieben Freunde. Ich mußte heute auch die abstrakteren Seiten der Sache ins Auge fassen. Den ganzen Aufbau mußten wir haben, weil man ja doch dann nur verstehen kann, was in der äußeren Welt auf diesem Gebiete in dieser Weise wirken kann.» [Ende des Vortrags]
(R. Steiner, Vortrag vom 4. April 1916, in Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167, S. 103-104)

 
Hier wird sogar ausdrücklich auf die „Illuminaten“ hingewiesen. Gewiss, das könnte Steiner und die Anthroposophen ins Lager der phantasierenden Verschwörungstheoretiker verbannen, was es um jeden Preis zu vermeiden gilt…
 
Aber nein! Auf keinen Fall ! Genau das ist es, was man direkt angehen müsste, den Stier bei den Hörnern packen, und es eben gerade nutzen, um die konkrete Wirklichkeit einer solchen Organisation (Illuminatenorden) ans Licht zu bringen – die, neben anderen von derselben Sorte, eben gerade als Brücke fungiert, als Verbindung zwischen Freimaurerei und Jesuitismus –, die tatsächlich einen Einfluss (und eine Nachkommenschaft) in Europa und in der Welt hatte, und dieses Wissen nicht den unredlichen oder phantasierenden Verschwörungstheoretikern überlassen, die es natürlich auch gibt (vor allem in Bezug auf das so vielgeliebte Thema der „Illuminati“, das in immer neuen Varianten präsentiert wird, und dadurch jeden Zugang zu den wirklichen Fragen verbaut).
 
Und etwas weiter oben findet sich in demselben Vortrag die denkwürdige Stelle zu dem „Verbot für alles Denken“, das um das Jahr 2000 (oder, einige Zeilen weiter: „um 2200 und einigen Jahren“[8]) aus Amerika kommen wird (bereits gekommen ist?):
 
«Der größere Teil der Menschheit wird seinen Einfluss von Amerika, von dem Westen herüber haben, und der geht einer anderen Entwickelung entgegen. Der geht jener Entwickelung entgegen, die heute sich erst in den idealistischen Spuren, gegenüber dem, was da kommt, in sympathischen Anfängen zeigt. Man kann sagen: Die Gegenwart hat es noch recht gut [C.L.: 1916, mitten im Weltkrieg !]gegenüber dem, was da kommen wird, wenn die westliche Entwickelung immer mehr und mehr ihre Blüten treibt. Es wird gar nicht lange dauern, wenn man das Jahr 2000 geschrieben haben wird, da wird nicht ein direktes, aber eine Art von Verbot für alles Denken von Amerika ausgehen, ein Gesetz, welches den Zweck haben wird, alles individuelle Denken zu unterdrücken. Auf der einen Seite ist ein Anfang dazu gegeben in dem,was heute die rein materialistische Medizin macht, wo ja auch nicht mehr die Seele wirken darf, wo nur auf Grundlage des äußeren Experiments der Mensch wie eine Maschine behandelt wird.
(…)
Einer der anderen Anfänge: Wir haben ja heute schon Maschinen zum Addieren, Subtrahieren: nicht wahr, das ist sehr bequem, da braucht man nicht mehr zu rechnen. Und so wird man es auch machen mit allem. Das wird nicht lange dauern, ein paar Jahrhunderte - dann ist alles fertig; dann braucht man nicht mehr zu denken, nicht mehr zu überlegen, sondern man schiebt.
(...)
Und damit nicht gestört wird das feste Gefüge des sozialen Zusammenhangs der Zukunft, werden Gesetze erlassen werden, auf denen nicht direkt stehen wird: Das Denken ist verboten, aber die die Wirkung haben werden, dass alles individuelle Denken ausgeschaltet wird. Das ist der andere Pol, dem wir entgegen arbeiten. Dagegen ist das Leben heute immerhin nicht gar so unangenehm. Denn wenn man nicht über eine gewisse Grenze hinausgeht, so darf man ja heute [C.L.: 1916] noch denken, nicht wahr? Allerdings, eine gewisse Grenze überschreiten darf man ja nicht, aber immerhin, innerhalb gewisser Grenzen darf man noch denken. Aber das, was ich geschildert habe, das steckt in der Entwickelung des Westens, und das wird kommen durch die Entwickelung des Westens.
Also in diese ganze Entwickelung muss sich auch die geisteswissenschaftliche Entwickelung hineinstellen. Das muss sie klar und objektiv durchschauen. Sie muss sich klar sein, dass das, was heute wie ein Paradoxon erscheint, geschehen wird: ungefähr im Jahre 2200 [C.L.: oder 2000, siehe Anm.8] und einigen Jahren wird eine Unterdrückung des Denkens in größtem Maßstabe auf der Welt losgehen, in weitestem Umfange. Und in diese Perspektive hinein muss gearbeitet werden durch Geisteswissenschaft. Es muss soviel gefunden werden — und es wird gefunden werden —, dass ein entsprechendes Gegengewicht gegen diese Tendenzen da sein kann in der Weltenentwickelung.»
(R. Steiner, Vortrag vom 4. April 1916, in Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167, S. 98 und 100-101)
 
Man sieht, in welchem Maße dieser Vortrag grundlegend ist, eröffnend für alles, was Steiner in der Folge noch während 9 Jahren fast auf den Tag genau (bis Ende März 1925), über den geheimen Zusammenschluss von Jesuiten und Freimaurern und über den Amerikanismus sagen wird:
 
● Er hatte bereits seit einigen Wochen ein erstes stark tabuisiertes Thema angesprochen: das Wirken der anglo-amerikanischen okkulten Logen in ihrer Rolle als entscheidender Faktor in der internationalen Politik, am 12. März 1916 in Stuttgart, am 18. März in München und am 28. März in Berlin, indem er indes noch allgemein davon sprach und vor allem die Rolle von H.P. Blavatsky behandelte, damit also eher in der Kontinuität der Vorträge vom Oktober/November 1915 (Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur, GA 254) blieb.
 
● An diesem Tage, dem 4. April 1916, fügt Rudolf Steiner ein zweites Thema hinzu, das mindestens ebenso tabu ist: der Einfluss des okkulten Jesuitismus auf Politik und Kultur in der ganzen Welt, und gleichzeitig das Thema des Zusammenschlusses dieser beiden okkulten Gruppierungen: Freimaurer und Jesuiten. Bis zu diesem Zeitpunkt war auf diesen geheimen Pakt, auf diese Verflechtung noch nicht hingewiesen worden.
 
● Indem er diese beiden Tabus brach, diese beiden "verbotenen" Themen ansprach, hinterließ uns Rudolf Steiner an diesem Tag (4. April 1916) sozusagen ein gefährliches Erbe, das für die Nachwelt innerhalb des sich auf Anthroposophie berufenden Milieus, also seit einem Jahrhundert (1916-2016), ein hermetisch verschlossenes Tabu wurde : das Thema des „Okkulten Zusammenschlusses von Jesuitismus und Freimaurerei vom Gesichtspunkt Rudolf Steiners", oder, anders ausgedrückt, das Thema: "Das gemeinsame okkulte Wirken von Jesuiten und Freimaurern, wie Rudolf Steiner es enthüllte".
 
Lesen Sie den ganzen Vortrag (4. April 1916, in Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167), und die vorhergehenden und nachfolgenden Vorträge.
 
Und gerade von solchen Angaben ausgehend (die hier in Berlin gemacht, dann jedoch ab Dezember 1916 in Dornach aufgegriffen und weiterentwickelt werden), nach solchen Enthüllungen wird – innerhalb der anthroposophischen Kreise selbst und innerhalb der Gemeinschaft derjenigen Menschen, die an der Errichtung des Johannesbaus (des Ersten Goetheanum) arbeiten – ein Widerstand, ja sogar eine heftige Reaktion gegen diese Enthüllungen aufleben!
 
Dies war von vornherein ein Element der Spaltung, der Scheidung der Geister.
 
Und es mussten sich übrigens gewisse damalige Anthroposophen durch die Abfassung einer Art Petition bei Steiner dafür einsetzen, dass dieser sich bereit erklärte, mit der Enthüllung solcher okkulter Hintergründe der Weltpolitik fortzufahren. Es handelt sich hier um ein nur wenig bekanntes Kapitel der anthroposophischen Bewegung, obwohl das von mir hier angesprochene Problem gewissermaßen als sein Erbe 100 Jahre danach betrachtet werden kann: Sollte man gewisse Dinge aussprechen oder sollte man sie besser verschweigen? Das ganze Problem Lindenberg, welches die Forschungsarbeit jahrzehntelang lähmen sollte, und heute noch lähmt, hängt damit zusammen.
 
Anders ausgedrückt: Diese zugleich „die Logen“ und „den geheimen Zusammenschluss zwischen Jesuiten und Freimaurern“ betreffende Frage hat ein Karma! Sie störte, stört heute noch und wird noch lange stören! So viele Menschen, so viele Milieus haben ein Interesse daran, sie zu neutralisieren, sie zu verharmlosen, zu mildern, zu entschärfen, sie falsch zu stellen, damit man sich nicht damit befassen kann, sie aus dem Blickfeld zu nehmen, sie gar zu verbieten.
Darunter auch viele Milieus, die sich unberechtigt auf die Anthroposophie berufen, aber in Wirklichkeit pseudo-anthroposophisch sind, obwohl sie es gerade sind, die die anthroposophische (oder anthroposophistische) offizielle Meinung vertreten.
 
Nun ist die eigentliche Beschaffenheit dieser unangenehmen Frage jedoch, offensiv, genauer gesagt, gegenoffensiv zu sein (da sie die Antwort auf eine okkulte Aggression darstellt, also gewissermaßen Notwehr ist), kurz gesagt: kämpferisch zu sein.
 
Das Erwähnen dieses Vortrags vom 4. April 1916hätte also die ideale Gelegenheit geboten, die Frage wirklich anzugehen, denn genau in diesem Moment – ein Jahr und acht Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs – öffnet sich dieses, sagen wir, „jesuitisch-freimaurerische“ Kapitel; genau da hätte man es zur Sprache bringen können, ohne befürchten zu müssen, mit „Verschwörungstheoretikern“ gleichgesetzt zu werden, denn es handelt sich tatsächlich um eine langfristig angelegte Verschwörung großen Maßstabs, eine Konspiration im vollsten und konkretesten Sinne des Wortes, um ein schwarzes Bündnis gegen das freie Geistesleben, ein Bündnis, das selbstverständlich nicht wie durch Hexerei verschwunden ist, das nicht überholt ist,sondern das im Gegenteil heute(wenn auch in neuen Formen) die Grundlage der internationalen Politik bildet; und nun wird es hier im Gegenteil zur Gelegenheit, durch Ablenkungsmanöver eine klare Haltung zu vermeiden!
«O tempora, o mores!»
 
Man wird der Wahrheit nicht dadurch dienen, dass man den Inhalt von Steiners Äußerungen vor den so genannten „seriösen“ Leuten verbirgt, sondern gerade dadurch, dass man nichts von dem, was Steiner gesagt hat, verbirgt, dient man der Wahrheit, der Wahrhaftigkeit, auch wenn es bei einem solchen Unterfangen sehr schwierige Momente geben kann.
 
Zu wissen, ob sich Steiner hat täuschen können, ob er etwas hat entstellen, übertreiben können, usw., ist dann eine andere Frage, die zu stellen durchaus nicht verboten ist; aber beginnen wir damit, alle verfügbaren Angaben auf den Tisch zu legen, statt Winkelzüge zu machen.
 
Denn es wird sogar das Gegenteil des erhofften Zieles eintreten: indem man Steiner vorgeblich „schützen“ möchte, indem man ihn abmildert, entschärft, setzt man sich umso mehr der Kritik aus, denn die so genannten seriösen Leute können ja trotzdem lesen (selbst wenn sie das, was sie lesen, nicht wirklich verstehen), sie können sehr gut herausfinden, was Steiner wirklich gesagt hat (siehe beispielsweise Staudenmaier), trotz der plumpen Verschleierungsmanöver der Anthropo-Vernebler, und damit hat man – d.h. haben die sich auf die Anthroposophie berufenden Leute – an allen Fronten verloren.
 
 
Schlussfolgerung
 
Diese drei anderen sehr kurzen Erwähnungen ändern also absolut nichts an dem von mir aufgeworfenen Problem; ja, sie neigen sogar eher dazu, es zu verschlimmern, denn sie zeigen (falls nötig), dass der Autor die Frage sehr wohl kannte und sich entschieden hat, sie auf diese äußerst minimalistische Art zu behandeln: nicht zu enthüllen, sondern in Wirklichkeit zu verschleiern, erneut zu verschleiern.
 
 
Christian Lazaridès (Juni 2014 - Januar 2015)
Übersetzung aus dem Französischen: Gisela Röder

Pour prendre connaissance d'autres documents de Christian Lazaridès : http://lazarides.pagesperso-orange.fr/]
 


[1]Zu diesem Thema siehe eine elfseitige kommentierte und nicht erschöpfende Liste von Bezugnahmen Steiners auf den Jesuitismus, enthalten in unserem [Prokofieff/Lazaridès] Buch Der Fall Tomberg, Kapitel „Rudolf Steiner über ‚Jesuitismus‘ [ein Überblick]“, S. 200-210). Diese Liste ist auf meiner Internetseite lazarides.pagesperso-orange.fr zu finden.
[2]Siehe unten, Ergänzung und Berichtigung, S. 11
[3]Im Französischen unterscheidet man zwischen dem Adjektiv „jésuite“ (bezeichnet die Jesuiten oder den Jesuitenorden) und dem Adjektiv „jésuitique“ (bezeichnet allgemein eine manipulierende Vorgehensweise). Selbst wenn es im Deutschen hier nur einen einzigenAusdruck („jesuitisch“) gibt, kann man dennoch, je nach Kontext, dessen eine oder andere Bedeutung hervorheben.
 
[4]Im Sinne eines okkult-psychischen Kraftfelds, das bestimmte okkulte Gruppen herstellen und dann benutzen, um auf Ideen und Ereignisse in der Welt einzuwirken.
 
[5]Die Worte die Steiner in diesem Satz gebraucht - der also, soweit ich weiß, der Ausgangspunkt dieses Themas ist - sind schwer zu begreifen. Es ist zunächst zu beachten, dass die Textgrundlagen unsicher sind. Steiner scheint von einer Polarität zu sprechen zwischen einer symbolischen freimaurerischen, eher weltlichen Einweihung, und einer symbolischen mehr religiösen, kirchengebundenen Einweihung der  Jesuiten. Das Wort "christlich" ist in beiden Fällen erstaunlich, man möchte es fast durch "antichristlich" ersetzen, oder sogar durch "antichristisch".
[6]Der „Illuminatenorden", 1776 durch Adam Weishaupt in Bayern gegründet.
[7]Soweit ich weiß, taucht hier zum allerersten Mal in Steiners gesamtem Werk dieses spezielle Thema des geheimen Zusammenschlusses und der Komplementarität zwischen dem Okkultismus der anglo-amerikanischen Logen und dem des okkulten Jesuitismus auf.
[8]Die erste Ausgabe (1920) dieses Zyklus schreibt hier "2000" (wie einige Zeilen vorher) und nicht "2200". Rudolf Steiners "Prophezeiung" bezöge sich also genau auf unsere aktuelle Zeit. Die Übergriffe gegen die Meinungsfreiheit, unter amerikanischer Eingebung, für die unser brüsseler-maastrichter-usw. Pseudo-Europa als Transmissionsriemen dient, häufen sich jetzt. Wir leben bereits unter einem solchen Verbot des freien Denkens.
 
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